Meine wirklich erste Berührung zur Literatur hatte ich als junges Mädchen.

Eines schönen Tages streifte ich durch die Stadt auf der Suche nach einer Entdeckung. Ich lief die Gassen mit den schillernden Bekleidungsgeschäften ab, schaute in die Schaufenster, lief in Gedanken weiter. Ich weiß noch genau, es war an einem Nachmittag im Frühling in den 80’er Jahren. Meine linke Hand haftete immer noch auf dem Fleck an meinem Kleid. Wieso musste ich unbedingt diese komischen roten Häppchen probieren? Jetzt hatte ich auf meinem neuen Kleid einen fetten roten Fleck, der aussah wie Blut. So in Gedanken versunken, bemerkte ich nicht, dass ich fernab der Shopping-Meile war. Ich sah nur unbekannte vereinzelte Geschäfte, fremde Gebäude. Kurzum, ich hatte mich verlaufen. Die Tropfen auf meiner Wange verrieten, dass es gleich regnen würde. So schaute ich mich um, ob irgendwo etwas war, wo ich hineingehen könnte. Weiter vorne sah ich einen kleinen Laden zu meiner Rechten. Ich beugte mich vor um hineinsehen zu können. Innen brannte Licht. Ein paar Tische vollgestellt mit Büchern. Stapelweise überall Bücher. Die Wände, der Boden, einfach überall. Mittlerweile regnete es richtig und von meinen langen Haaren tropfte es ununterbrochen. Ich blickte mich um und schaute hinter mich. Nichts und niemand. Also entschied ich mich hineinzugehen. Als ich die Tür öffnete, klingelte das Glöckchen über der Tür.
Von dem Moment an, als ich über diese Schwelle trat, sollte sich in meinem Leben etwas Gravierendes ändern. Ich spürte das ganz genau. Und es änderte sich alles.

Weiter hinten im Laden bemerkte ich einen Mann und eine Frau, die an einem Tisch saßen und in ihre Bücher versunken waren. Schüchtern brachte ich ein „Guten Tag“ hervor und wartete auf dem Fleck. Ohne aufzublicken meinte der Mann ganz ruhig und langsam: „Schauen sie sich gerne um. Lassen sie sich Zeit. Wenn sie was Bestimmtes suchen, so sagen sie es.“
Das waren genau seine Worte. Ich blieb weiter an der Stelle stehen, wo ich stand und blickte nur um mich. Wo sollte ich anfangen? Wonach sollte ich hier suchen? Die sahen alle gleich aus. Überall waren nur Bücher. Alte Bücher.
Weder der Mann noch die Frau blickten zu mir. Einerseits war ich dankbar dafür, andererseits hätte ich einen Schub gebrauchen können. Natürlich kam mir auch der Gedanke einfach wieder hinauszugehen. Aber irgendetwas hielt mich davon ab und ich blieb. Mit ganz kleinen Schritten ging ich zur rechten Seite, nahm blind ein Buch zur Hand, schaute es an und legte es genau an dieselbe Stelle zurück. So ging es weiter, bis ich mich lockerer fühlte. Je mehr Bücher ich in die Hand nahm, umso leichter fiel es mir ein anderes in die Hand zu nehmen.
Und dann hatte ich es gefunden. Das Buch, das mich für immer an die Literatur binden sollte.
Es war ein kleines, gebundenes, rotes Buch. So rot wie der Fleck auf meinem Kleid, den ich nie mehr wegkriegen würde. Am Rücken lösten sich schon die Fäden. In goldfarbenen Lettern stand der Name des Buches:
Der Spieler. Unten stand der Name des Autors: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Unbenanntes_Werk

Meine Erinnerung an die Gasse mit dem Antiquariat.

 

Wie alles begann Teil II – Das rote Buch

 

 

 

 

 

 

37 Kommentare zu „Wie alles begann

    1. Liebe Natalia,
      die unendliche Geschichte habe ich auch unzählige Mal gelesen. Einfach ein tolles Buch, das ich meinen Kindern auch vorgelesen hatte.
      Liebe Grüße, Selda.

  1. oh so schön geschrieben! ich liebe auch Buchläden und Bibliotheken, meine Erinnerungen sind ganz stark mit Bibliotheken verknüpft, seit der ersten Klasse fuhr ich mehrmals die Woche in die Bibliothek meiner Heimatstadt. Später haben wir dann in einer größeren Stadt fast neben der dortigen Bibliothek gewohnt, ratet mal wo ich täglich zu finden war.

    LG Ina

    1. Liebe Ina,
      Bibliotheken finde ich auch sehr schön. Das sollte wohl so sein, dass du in der Nähe einer Bibliothek dein neues zu Hause gefunden hast. Alles im Leben hat seine Bedeutung.
      Liebe Grüße, Selda.

  2. Wow, was für eine schöne Geschichte 🙂 Ich hatte mein erstes Buch von einem Flohmarkt, kann mich auch noch ganz genau daran erinnern. Als ich es ausgelesen hatte, hat mir meine Mama den Bücherei-ausweis machen lassen, damit ich kostenlos noch mehr Bücher lesen konnte 🙂
    Ich wünsch dir einen schönen Tag!
    Liebe Grüße Jacky

    1. Liebe Jacky,
      ja, auf Flohmärkten war ich auch viel unterwegs und habe dort auch immer wieder gute Bücher gefunden. Wie schön, dass deine Mutter gleich darauf reagiert hat.
      Liebe Grüße, Selda.

  3. Schön beschrieben! Ich stöbere sehr gerne in Buchläden – ist doch viel netter, als bei Amazon zu kaufen. Mich haben die Bücher von Herrmann Hesse zur Literatur geführt.

    1. Lieber Karl-Heinz,
      ich muss die Bücher auch immer in die Hand nehmen und rein lesen. Zu Hermann Hesse kam ich etwas später. Aber dann hatte ich auch von ihm so ziemlich alle Bücher.
      Liebe Grüße, Selda.

  4. Ich liebe diese kleinen, vollgestopften Buchläden, in denen man noch richtig den Geruch der Bücher einsaugen kann. Danke für diesen wundervollen Text. Ich konnte mich richtig gut in die Situation rein versetzen. Inklusiver roter Fleck 😉

    1. Liebe Carola,
      da sind wir einer Meinung. Solche Läden liebe ich auch sehr. Egal wo ich einen solchen Laden sehe, muss ich auch hineingehen.
      Liebe Grüße, Selda.

  5. Wie schon auf Facebook gesagt: Eine sehr schöne Geschichte und ein wundervoller Text. Daran erinnert man sich doch immer gerne zurück! Ich kaufe zwar sehr viel online, gegen einen guten Buchladen, wo man in Ruhe stöbern kann, kommt das aber nicht an! 🙂

    Alles Liebe,
    Verena
    whoismocca.com

    1. Liebe Verena,
      manches kaufe ich auch manchmal online. Gerade bei Sachen, die man sonst nicht mehr im Laden bekommt.
      Liebe Grüße, Selda.

  6. Eine sehr schöne Geschichte und wunderschön geschrieben. Mein erstes Buch, dass ich mir selbst gekauft habe war die unendliche Geschichte. Da kommen schöne Erinnerungen auf. Leider ist es nicht mehr in meinem Besitz. Irgendwie habe ich es verlegt und nicht mehr gefunden.

    Liebe Grüße,
    Christian
    beatsanddogs.com

    1. Lieber Christian,
      die unendliche Geschichte fand ich auch sehr schön. Schade, dass du es nicht mehr findest. Ich hoffe, dass dieses Buch irgendwo noch auftaucht.
      Liebe Grüße, Selda.

  7. Ein schöner Text bei dem man richtig mit dir mitgeht 🙂 Du hast gleich mit recht schwerer Kost begonnen. Ich denke meine Liebe zu Büchern (obwohl ich derzeit zu wenig dazu komme) habe ich von meinen Eltern, da mir in der Kindheit schon viel vorgelesen wurde. Manche Bücher kannte ich nahezu auswendig, so dass meine Eltern chancenlos waren sich über ein, zwei Seiten drüber zu schummeln 😀 Umso mehr habe ich mich gefreut als ich selbst lesen und damit ein bisschen bestimmen konnte 🙂

    Liebe Grüße,
    Janine

    1. Liebe Janine,
      dieses Erlebnis beim Vorlesen hatte ich bei meinen Kindern genauso. Ich konnte nie schummeln und weiterblättern. Sie kannten bei ihren Lieblingsgeschichten jedes einzelne Wort. Ich war dann auch froh, als sie selber lesen konnten.
      Liebe Grüße, Selda.

    1. Liebe Charnette,
      wie schön, dass dir mein Erlebnis gefallen hat. Früher hatte immer wieder Geschichten geschrieben. Aber das ist schon sehr lange her.
      Liebe Grüße, Selda.

  8. Wow, die Einleitung liest sich fast wie ein Blockbuster. Du schreibst wirklich super finde ich, vllt solltest du das beruflich mal austesten ??? Ich kenne das beschriebene Buch zwar nicht, aber es scheint ja extrem nachhaltig gewesen zu sein. Danke für den tollen Artikel

    1. Lieber Andreas,
      Danke für deine Worte. Ich lasse das Schreiben lieber beim Hobby.
      Liebe Grüße, Selda.

  9. Ein sehr lesenswerter Beitrag. Danke das du uns teilhaben lässt an deiner persönlichen Geschichte. Das Buch das mich zum Lesen gebracht hat, waren damals die Bände von Hanni und Nanni. Seitdem liebe ich das Lesen.

    1. Liebe Manuela,
      ja, Hanni und Nanni finde ich auch sehr cool. Das habe ich meiner Tochter auch gerne vorgelesen.
      Liebe Grüße, Selda.

  10. Sooo ein schöner Beitrag <3 Ich finde es immer toll zu hören wie andere zum lesen gekommen sind und so wie bei dir- durch den Fleck von einem roten Häppchen – einfach nur ein mega toller Zufall für die Ewigkeit <3

    1. Liebe Anja,
      in der Tat war das damals ein gutes Zeichen. Letzten Endes habe ich diese Entdeckung dem Fleck auf meinem Kleid zu verdanken. Es sollte so sein.
      Liebe Grüße, Selda.

    1. Liebe Mona,
      jeder findet seinen Weg in die Literatur. Der eine über das Vorlesen und der andere über einen Laden, den er zufällig entdeckt.
      Liebe Grüße, Selda.

  11. Das hast du schön geschrieben! Meine Liebe zu Büchern fing in der Grundschule an. Ich weiß noch, wie ich immer mit meinem Fahrrad ins 2 Kilometer entfernte Dorf zur Bibliothek gefahren bin und mir da jede Woche etwas neues ausgeliehen habe. Ich gehe auch heute noch lieber in Buchläden oder Bibliotheken zum Stöbern.

    Liebe Grüße,
    Sophia

  12. Es ist so schön, wie detailliert du deine Geschichte beschrieben hast. Es gibt auch ein paar Momente in meinem Leben, die könnte ich ganz genau beschreiben weil sie mich so geprägt haben. Toll!

    Liebe Grüße
    Nadine von tantedine.de

    1. Liebe Nadine,
      manches im Leben bleibt für immer haften. An manchen Momenten kann man sich genau erinnern. Und manches geht für immer verloren.
      Liebe Grüße, Selda.

  13. Ein wunderschöner Text! Ich liebe es in alten Antiquariaten zu stöbern … und da werde ich immer fündig! An mein erstes Buch kann ich mich leider gar nicht erinnern. Aber ich habe immer schon sehr gerne gelesen.

    Liebe Grüße
    Verena

    1. Liebe Verena,
      ja, ich liebe es auch in Antiquariaten herumzustöbern. Egal wo ich bin, wenn ich ein solches Geschäft sehe, muss ich hineingehen.
      Liebe Grüße, Selda.

    1. Liebe Laura,
      freut mich sehr, wenn ich dich mit dieser Gesichte zum lesen motiviert habe.
      Liebe Grüße, Selda.

  14. Oh so schön… Ich habe eine Gänsehaut. Ich kann mich gar nicht an mein erstes Buch erinnern, aber meine Mutter erzählt mir, dass ich schon mit vier Jahren in der Ecke neben dem Ofen saß und „las“, was ich natürlich nicht konnte… Aber ein Buch, was mich gefesselt hat, seitdem ich es zum 12. Geburtstag geschenkt bekam, ist „Narziss und Goldmund“ von hermann Hesse. Es ist bis heute mein Lieblingsbuch!
    Liebe Grüße, Diana

    1. Liebe Diana,
      Hermann Hesse liebe ich auch sehr. Wie toll von deiner Mutter dich in die schöne Literatur zu führen. Das Foto zu meiner Literatur-Ecke ist tatsächlich ein Auszug aus „Narziss und Goldmund“.
      Liebe Grüße, Selda.

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