Seite 1 – Im Regenbogenland

Der Nebel löste sich langsam auf. Mittlerweile ging es bergab, und sie ging die letzten Stufen hinunter. Vor ihr lag eine Blumenwiese, so weit das Auge sehen konnte. 

Mit sattem Grün und die wunderschönen Blumen in intensiven Farben. Ungläubig was ihr geschah, drehte sie sich um. Keine Treppe, kein Regenbogen, alles weg. Nur die Wiese. Wo war sie hier? Wie war das möglich? Träumte sie? Lara ging ein paar Schritte und rief: „Mama? Papa?“ Keine Antwort. Stille. Wieder und wieder schaute sie sich um und rief nach ihren Eltern. Aber niemand antwortete ihr. Da fing sie an zu weinen und rief weiter nach ihren Eltern. „Du kannst aufhören zu rufen. Die können dich nicht hören“, sagte jemand hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um und schaute einem riesengroßen Schmetterling in die Augen. Der Schmetterling war so groß wie ihre beiden Arme zusammen! Lara sah den Schmetterling mit ihren tränenvollen Augen an und fragte: „Wo bin ich hier?“ „Du bist hier im Regenbogenland.“ Dann erzählte er Lara, dass es eine Ausnahme war, dass sie überhaupt herkommen konnte. Denn in Wirklichkeit war das Regenbogenland für Menschen unbetretbar. Aber das würde sie schon sehr bald erfahren. Nachdem Lara sich beruhigt hatte, zeigte Fifrildi, so hieß die Schmetterlingsdame, die Umgebung. Als sie ihre riesigen, blauen Flügel schwang, wehte der Wind so stark, dass Laras Kleid hochflog. Dann lief sie hinter Fifrildi her. 

Plötzlich blieb Lara abrupt stehen. Vor ihr tauchte ein Bach auf, aber in diesem Bach floss kein Wasser, sondern eine weiße Flüssigkeit. Sie ging in die Hocke und sah sich diese komische Flüssigkeit genauer an. Fifrildi drehte sich um, und wunderte sich, wo Lara blieb. Als sie sie entdeckte, flog sie im Bogen zurück und ging neben Lara zu Boden und erklärte ihr: „Das ist Milch, Liebes. Hier im Regenbogenland haben wir Bäche, in denen Wasser fließt und Bäche in denen Milch fließt. Und es ist ganz rein. Du kannst es ruhig kosten.“ Lara nahm eine Handvoll Milch aus dem Fluss und trank sie aus. Es war die leckerste Milch, die sie je getrunken hatte. Nachdem sie genug getrunken hatte, lief sie wieder hinter Fifrildi her. Mittlerweile hatte sich die Umgebung verändert. Bäume tauchten auf und spendeten Schatten. „He, Fifrildi! Wohin des Weges?“, rief da jemand irgendwo aus dem Gebüsch vor ihnen. „Ich zeige unserem Gast die Umgebung“, antwortete Fifrildi. Erst da tauchte ein Wesen aus dem Gebüsch auf, das aussah wie eine Maus, aber so groß war wie Lara. Als das Wesen vor Lara stand, erschrak es so sehr, dass es nach hinten auf den Boden fiel. „Aber das ist ja ein Mensch!“, rief es. Auch Lara hatte sich erschrocken. Eine Riesenmaus stand vor ihr. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Als sich Lara und die Maus etwas gefasst hatten, machte sie Fifrildi miteinander bekannt. Sie setzten ihre Tour zu dritt fort. Mus Musculus, so hieß die Maus, lief neben Lara her. Erstaunt sah sich Lara den Baum an, an dem sie vorbeiliefen. Es hingen komische, lange Dinger dran. Beim näheren Betrachten sahen sie aus wie Tannen. Nur waren das keine. „Das sind Leckerlies. Das essen wir. Hier wachsen an jedem Baum die unterschiedlichsten Leckerlies für jedermann. Also wenn du Hunger hast, nur zu“, erklärte ihr Mus Musculus. Nach einer Weile fragte Lara: „Sind alle Tiere hier, die gestorben sind?“ Dabei dachte sie an ihre Minki. „Ja, wir alle sind in deiner Welt gestorben und über die Regenbogenbrücke hierher gelangt. Ins Regenbogenland,“ antwortete die Maus. Dann müsste Minki auch hier sein, dachte Lara. Vielleicht wartet sie schon irgendwo auf mich. Diese Vorstellung gefiel ihr.

Auf einmal bebte der Boden, und in der Ferne sah man Staubwolken. So stark, dass man sonst nichts anderes mehr sah. Fifrildi kam zu ihnen und die beiden waren so aufgeregt, dass sie Lara fast vergaßen. „Schnell, versteck dich! Lauf!“, riefen Fifrildi und Mus Musculus wie aus einem Mund und rannten und flogen zu den Bäumen, die zu ihrer Linken auftauchten. Lara lief ihnen automatisch hinterher. Es musste was passiert sein, und das musste mit dem Beben zu tun haben, dachte Lara. Die Schmetterlingsdame kam auf einem Ast des Feuerbaumes zum Stehen. Der Feuerbaum war riesengross und hatte flammendrote Blüten. Mus Musculus kletterte schnell hinauf. „Los, worauf wartest du denn noch?“, fuhr er Lara an. Erst da fing Lara an, auch auf den Baum zu klettern. Das Beben kam immer näher, und die Luft wurde immer staubiger. Lara sah zu beiden hin, und bemerkte, dass beide Angst hatten. In der Zwischenzeit waren auch noch andere Tiere auf den Feuerbaum gekommen und ließen sich auf einen freien Ast nieder. Igel, weitere Mäuse und Schmetterlinge, Maulwürfe, Hasen und Kaninchen, alle möglichen Vögel,…einzelne Tiere und Familien mit ihren Jungen. Vor lauter Angst hatte keiner von ihnen Lara wahrgenommen. Sie saßen nur auf diesem Baum und blickten Richtung Staubwolke. Bis die Staubwolke vor ihnen zum Stehen kam. Der Geräuschpegel war so laut, dass man fast taub wurde. Aber dann war es still. Mucksmäuschen still.

Eine Horde Marderbären kamen vor ihnen zum Stillstand. Auch die waren viel, viel größer als in Laras Welt. Sie waren so groß wie ein erwachsener Mensch. Wodurch sie gefährlich und mächtig wirkten. Mit schwarz-grauem Fell, schwarzen Knopfaugen sahen sie schon gruselig aus. Ihr Schnurrbart war so groß wie Laras Arm. Vom Feuerbaum hielten sie Abstand, so, als ob sie Angst davor hätten. Der, der Anführer der Horde, blickte zu ihnen hoch und lachte. Dabei zog er ein Mundwinkel hoch. „Sieh mal einer an! Da ist sie ja“, sagte er und blickte tief und fest in Lara’ s Augen. Erschrocken darüber, dass er sie meinte, wäre Lara fasst vom Baum gefallen. 

Erst da bemerkten die anderen, die auch auf dem Baum waren, Lara. Ein Raunen ging durch die Menge. Der Anführer streckte seine Hand nach Lara aus und sagte mit seiner krätzenden Stimme ganz langsam und leise:„Komm zu mir.“ Laras Augen weiteten sich, und sie zitterte am ganzen Körper. „Rühr sie nicht an, Binturong!“, rief einer, den Lara durch die Äste und Blätter nicht sehen konnte. Aber wer es auch sein mag, dieser Binturong schien Respekt vor ihm zu haben. „Und wenn ich es doch tue? Wa ist dann, hä?“, antwortete er. Erst jetzt drehte sich Binturong zu dem unbekannten Retter hin. Lara versuchte einige Äste und Blätter wegzuschieben, damit sie ihn sehen konnte. Der Fremde kam einen Schritt soweit vor, dass Lara ihn zwischen den Blättern sehen konnte. Er war ein riesengroßer Hund mit langer, brauner Mähne und langem Fell. Er schwang seine langen Haare auf die rechte Schläfe und sagte mit seiner festen Stimme:„Das solltest du nach unserer letzten Begegnung eigentlich wissen. Macht, dass ihr hier verschwindet. Wie oft soll ich euch noch sagen, dass dieser Bereich für dich und deinesgleichen tabu ist!“ Die letzten Worte sprach er so laut aus, dass die Rebellen zuckten. „Wir ziehen uns zurück“, rief ihr Anführer, „wir heben uns das für ein andermal auf“, rief er seinen Leuten zu und trat den Rückzug an. Als sie außer Reichweite waren, kletterten alle langsam den Feuerbaum hinunter und stellten sich im Kreis um den Retter hin. „Du kamst genau zur richtigen Zeit an, Balutschi“, meinte ein Igel. Dabei stellte sich heraus, dass Balutschi schon die ganze Zeit hier war. Er schien auch auf Lara gewartet zu haben. Fifrildi kam nach vorn geflogen und kam vor ihm auf den Boden zum Stehen. „Das ist Lara“, und zeigte dabei auf das Mädchen. „Wir müssen aufbrechen und sie hier wegbringen“, sagte Balutschi. „Aber ich will hier nicht weg. Ich muss meine Minki finden. Die muss doch auch hier sein“, protestierte Lara. Mus Musculus ging zu Lara, nahm ihre Hand und führte sie aus der Menge raus. Dann fing er an, ihr zu erzählen, dass sie hier nicht sicher seien vor den Rebellen. Sie mussten zu Testudinata, der weisen Schildkröte gehen. Sie lebte hinter dem Gebirge. Und bis dahin war es noch ein langer Weg. Unterwegs werden wir viele andere Tiere treffen, meinte die Maus. Mittlerweile hatte sich Balutschi zu ihnen gesellt. Viele andere waren wieder zu ihren Häusern und Plätzen zurückgekehrt. Lara fand es gut, dass ihr Retter sie zu der Schildkröte begleitete.

Lara lernt Fifrildi und Mus Musculus kennen
Balutschi vertreibt Binturong und seine Bande

Seite 1 – Selda Eigler – Geisenheim

Am Morgen – Wie alles begann

Lara saß auf der Gartentreppe und schluchzte. Ihren liebsten Teddy neben sich haltend, saß sie da und weinte. Erst gestern hatte sie ihre liebste Katze Minki verloren. Ihre Minki. Die Minki, die sie über alles liebte. Wie sie im Garten mit einem langen Stock rannte und Minki hinterher kam… Oder wie sie auf den Kirschbaum, der in der Ecke des Gartens stand, blitzschnell hochkletterte…Ja, und wie sie neben ihr im Bett einschlief… fest an sie geklammert schnurrte sie sich und Lara in den Schlaf… Und jetzt? Jetzt war sie alleine. Ohne ihre Minki. Wie sollte sie diesen Schmerz nur ertragen? 

So in Gedanken versunken, verweilte sie eine Zeit lang. Irgendwann erhob sie ihren Blick Richtung Kirschbaum. Ihr Blick wurde klarer, und sie sah jetzt genauer und intensiver hin. Denn das, was sie dort sah, konnte nur eine Illusion sein. 

Links neben dem Stamm des Kirschbaumes war eine Treppe. Diese Treppe ging mit dem Stamm des Kirschbaumes in die Höhe und verschwand hinter den Ästen und Blättern. Sie stand langsam von der Gartentreppe auf und lief zum Kirschbaum. Ihre zu zwei Zöpfen geflochtenen Haare lösten sich leicht. Hier und da fielen ihr die Strähnen ins Gesicht. Vor dem Baum blieb sie stehen. Sie konnte ihren Blick von der Treppe nicht trennen. Die Treppe war alt und aus Stein. Hier und da waren Risse oder Löcher vorhanden. …. drehte sich einmal um und schaute, ob jemand da war. Ihre Mutter oder ihr Vater. Aber da stand niemand. Sie drehte sich wieder zur Treppe, die immer noch am Fuße des Kirschbaumes war. Ihren Teddy noch fester an der Hand haltend, machte sie einen Schritt zur ersten Stufe. Langsam stieg sie Stufe für Stufe die Treppe hinauf, bis sie die Krone des Baumes erreichte. Sie blickte ein letztes Mal Richtung Gartentreppe und verschwand hinter dem Dunst der Nebel. 

Ihr Weg tauchte in Regenbogenfarben. Wie ein bunter Wegweiser sah er aus. Sie lief und lief. Der Nebel verdichtete sich. Außer dem Weg, der klar und deutlich vor ihr lag, konnte sie von ihrer unmittelbaren Umgebung nichts erkennen.